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Adaptiver hydraulischer Abgleich: Warum lernende Systeme im Bestand notwendig sind

Heizungsmonitoring schafft Transparenz über den realen Anlagenbetrieb. Es zeigt, wo Systeme ineffizient arbeiten, wo Einstellungen nicht passen und wo Energie verloren geht. Doch Transparenz allein verändert noch nichts. Die entscheidende Frage lautet: Wie lassen sich diese Erkenntnisse in einem heterogenen Gebäudebestand wirksam in den laufenden Betrieb überführen? Eine zentrale Stellgröße ist dabei der hydraulische Abgleich – ein bekanntes, aber in der Praxis oft nur unzureichend umgesetztes Instrument.

Der klassische hydraulische Abgleich basiert auf statischen Annahmen. Er setzt voraus, dass Gebäudegeometrie, Leitungsführung, Heizkörperleistungen und Nutzungsprofile bekannt und stabil sind. In der Realität des Bestands ist das selten der Fall. Gebäude wurden über Jahrzehnte verändert, Wohnungen unterschiedlich genutzt, Leitungsnetze erweitert oder vereinfacht. Der einmal berechnete Soll-Zustand bildet den realen Betrieb oft nur unzureichend ab. Hinzu kommt: Selbst ein korrekt ausgeführter Abgleich bleibt eine Momentaufnahme. Er reagiert nicht auf veränderte Nutzungsbedingungen, Witterungseffekte oder saisonale Verschiebungen im Lastverhalten.

Vor diesem Hintergrund gewinnen adaptive Ansätze an Bedeutung. Smarte Thermostate ermöglichen einen hydraulischen Abgleich, der nicht auf theoretischen Modellen beruht, sondern auf real gemessenen Betriebszuständen. Sie erfassen kontinuierlich, wie sich Räume aufheizen, wie lange Heizkörper nachlaufen und wie stabil Solltemperaturen erreicht werden. Auf dieser Basis regulieren sie den Durchfluss dynamisch und passen ihn laufend an die tatsächlichen Anforderungen an. Der Abgleich wird damit vom einmaligen Projekt zur fortlaufenden Optimierung.

Der besondere Vorteil dieses Ansatzes liegt in seiner Nähe zum realen Nutzungspunkt. Thermostate sitzen dort, wo Komfort und Energieverbrauch unmittelbar zusammenfallen. Sie bilden die letzte Verteilungsebene im Heizsystem ab und liefern damit wertvolle Rückmeldungen über das Verhalten des gesamten Netzes. In Kombination über viele Wohneinheiten entsteht ein dezentrales Sensorsystem, das Rückschlüsse auf hydraulische Ungleichgewichte, Überversorgung oder strukturelle Schwächen zulässt – auch dann, wenn zentrale Anlagendaten allein kein eindeutiges Bild liefern.

Gerade im Bestand erweist sich dieser pragmatische Ansatz als wirksam. Adaptive Thermostate lassen sich ohne Eingriffe in die zentrale Technik einsetzen und können schrittweise ausgerollt werden. Sie verbessern die Wärmeverteilung, reduzieren extreme Abweichungen zwischen Wohnungen und stabilisieren den Betrieb unter realen Alltagsbedingungen. Dabei ersetzen sie weder die zentrale Regelung noch die Wärmeerzeugung. Sie wirken ergänzend – dort, wo klassische Optimierungsmaßnahmen an ihre praktischen Grenzen stoßen.

Entscheidend ist das Zusammenspiel der Systeme. Monitoring zeigt, wo ineffiziente Betriebszustände entstehen und wie sich Maßnahmen auswirken. Adaptive Thermostate setzen diese Erkenntnisse dezentral um und sorgen dafür, dass Effizienzgewinne tatsächlich im Gebäude ankommen. Beide Ebenen sind keine Alternativen, sondern aufeinander angewiesen. Ohne Monitoring fehlt die Einordnung, ohne adaptive Verteilung bleibt Optimierung oft theoretisch.

Energetisch zeigt sich die Wirkung in der Summe kleiner Korrekturen. Adaptive Systeme reduzieren typische Verluste, die durch Fehlverteilungen, überdimensionierte Durchflüsse oder träge Reaktionen entstehen. Sie verbessern den thermischen Komfort und tragen dazu bei, Energie dort einzusetzen, wo sie benötigt wird. Für die Wohnungswirtschaft ergibt sich daraus ein realistischer Weg, Effizienzpotenziale im Bestand zu heben, ohne umfassende bauliche Eingriffe oder lange Projektlaufzeiten.

Damit markiert der adaptive hydraulische Abgleich eine wichtige Entwicklungsstufe auf dem Weg zu einem datenbasierten Heizbetrieb. Er übersetzt Transparenz in Wirkung und schafft die Grundlage für den nächsten Schritt: die systemische Optimierung der Anlage als Ganzes. Wenn Monitoring-Daten und Informationen aus der Verteilungsebene zusammengeführt werden, entsteht ein digitales Abbild des Heizsystems, das weit über Einzeloptimierungen hinausgeht.

Genau hier setzt Beitrag 3 dieser Serie an. Dort widme ich mich der Frage, wie sich auf Basis realer Betriebsdaten fundierte Entscheidungen zur Einstellung und Optimierung der Heizkennlinie treffen lassen, welche Rolle algorithmische Modelle dabei spielen und wie aus einzelnen digitalen Bausteinen ein lernendes Gesamtsystem wird.

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Thomas Landgraf

Head of Corporate Digitization and Transformation, noventic group

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