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Interview

Jan-Christoph Maiwaldt Andreas Göppel noventic group

„Jetzt wird es spannend!“

Digitalisierung und Vernetzung bieten auch in Versorgung und Management von Gebäuden ungeahnte neue Möglichkeiten. Die noventic group ist angetreten, diesen Wandel aktiv zu gestalten. Jan-Christoph Maiwaldt, CEO, und Andreas Göppel, COO und CSO, über die klimaintelligente Steuerung von Immobilien – und wie Daten dabei helfen, den Ausfall eines Heizkessels vorherzusehen.

Herr Maiwaldt, Herr Göppel, mit noventic möchten Sie freudvoll radikal den Markt aufmischen. Warum ausgerechnet jetzt?
Maiwaldt: Die meisten Unternehmen unserer Branche sind klassischerweise mit proprietären Systemen im Markt – große Messdienste, die ihre eine eigene Geräteinfrastruktur mitbringen. Gleichzeitig sind die Kundenbeziehungen traditionell langfristig angelegt und dadurch auch gut planbar. Aber für bestimmte Segmente der Wohnungswirtschaft ändert sich das gerade. Heute, in Zeiten der Digitalisierung und kürzerer Innovationszyklen, sind langfristige Verabredungen unter bestimmten Voraussetzungen nicht mehr die erste Priorität.

Dienstleister müssen deshalb ihre Systeme öffnen, um Kundenwünschen nach Synergien, nach Vermeidung von Doppelinvestitionen und einer möglichst großen Entscheidungsfreiheit nachzukommen. Der Markt ist im Umbruch, und entsprechend viel Raum bietet sich noventic und unserem neuen Leistungsangebot. Denn wir kombinieren flexibel die Stärken unserer eigenständig agierenden Unternehmen, um schneller zu sein und Kundenanforderungen individueller zu begegnen. Auf dieser Basis wollen wir aktiv und gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft Produkte und Dienstleistungen entwickeln – und nicht nur auf die Märkte reagieren.

Göppel: Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Wir müssen angesichts des Klimawandels – der wohl größten Herausforderung unserer Zeit – auch Gebäude als Hebel nutzen, um CO2-Emissionen zu reduzieren. Wir müssen Immobilien klimaintelligent steuern.

Klimaintelligenz ist ein Stichwort, das Sie häufig benutzen. Was bedeutet das eigentlich – und was bringt es?
Göppel: Technisch betrachtet bedeutet Klimaintelligenz zunächst einmal, alle Sensoren, Zähler, Systeme und Software im Metering und Sub-Metering miteinander zu vernetzen. Dadurch können Anlagen zukünftig über intelligente Algorithmen optimal ausgesteuert werden, das ist etwa bei Energieerzeugungsanlagen, der Heizungssteuerung oder Lüftung sehr relevant. Insgesamt bedeutet Klimaintelligenz für uns, Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die die Energieeffizienz der Gebäude in Deutschland und Europa deutlich erhöht. Angesichts des Klimawandels stehen wir vor neuen Herausforderungen – auf die der Markt mit neuen Technologien und der Gesetzgeber mit veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen reagiert. Gänzlich neue Möglichkeiten bewegen unseren Markt wie nie zuvor. Allein das Internet der Dinge und die entsprechende Datenanalyse: Damit können Sie heutzutage Leckagen automatisch erkennen, Heizkessel warnen vorab vor drohenden Ausfällen, und mittels Gebäude-Benchmarking können Sie erkennen, wo noch ungenutzte Effizienzpotenziale am kosteneffizientesten gehoben werden können. Diesen Fortschritt, diesen Wandel wollen wir als starker Vorreiter gestalten.

Stichwort Stärke: Haben Sie deshalb die noventic group ins Leben gerufen, oder wie kam es dazu?
Maiwaldt: Mit der zunehmenden Vernetzung der Dinge im Rahmen der Digitalisierung nimmt auch die Komplexität der Sachverhalte zu. Dabei entstehen großartige neue Chancen und Möglichkeiten. Steigende Komplexität bedarf aber auch steigender und vor allem vernetzter Expertise. Sie können gar nicht genügend Experten für die Vielzahl der technologischen Herausforderungen im eigenen Unternehmen haben. Deshalb haben wir uns mit Qundis, KALO, Keep Focus, PPC, ikw und Smarvis in der noventic group vernetzt. Wir bringen die besten Spezialisten aus allen Unternehmen zusammen, um die Zukunft gemeinsam zu gestalten

Göppel: Wir haben uns gefragt, was innerhalb und entlang einer Immobilie die Komponenten sind, die man zwingend braucht, um sich dem Leitbild einer klimaintelligenten Steuerung zu nähern. Welche Produkte und Dienstleistungen die Energieeffizienz der Gebäude in Deutschland und Europa deutlich erhöhen. Wir haben uns also überlegt, wie in Zukunft Daten sicher erhoben werden können, die innerhalb einer Immobilie durch ihre Nutzer, durch die Bewohner und Dienstleister entstehen. Im Juni 2016 verabschiedete der Bundestag zudem das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende, mit dem der Einbau von Smart-Metern für alle Stromkunden mit einem Jahresverbrauch von mindestens 6.000 Kilowattstunden bis 2020 verpflichtend wird. Über die damit einhergehenden Smart-Meter-Gateways können Smart Metering und Submetering zusammenwachsen.

Was bedeutet das konkret für Gebäudeeigentümer?
Maiwaldt: Bislang braucht jedes geschlossene System in Gebäuden ein eigenes Gateway. Solch überflüssige Mehrfachinvestitionen fallen weg, wenn sich die Systeme öffnen, vernetzen lassen. Dann brauchen Sie nur noch ein Smart-Meter-Gateway pro Gebäude. Als Datenknotenpunkt verbindet das Smart-Meter-Gateway Gebäude mit der Außenwelt, mit Datenplattformen. Und hier wird es richtig spannend. Denn auf Cloud-Plattformen werden die Gebäudedaten sicher und hochverfügbar für alle Berechtigten gesammelt und für vielfältige Anwendungen bereitgestellt. Gebäudeeigentümer können sie nutzen, beispielsweise um eine Anwendung zur Leckage-Ortung zu etablieren. Und Mieter kommen in den Genuss einer neuen Transparenz über den eigenen Verbrauch, weil auch für sie die Daten visualisiert abrufbar sein können. Und zwar nicht nur einmal im Jahr nach der Abrechnung, sondern jederzeit.

Was macht dieses Konzept für Ihre Kunden so interessant, bzw. was unterscheidet es von denen Ihrer Konkurrenten?
Göppel: Die Haus- und Liegenschaftsbesitzer haben heute verhältnismäßig wenig Teilhabe an den Daten, die in ihrer Immobilie produziert werden. Beispiel Heizkostenabrechnung: Für eine klassische Abrechnung werden einmal im Jahr Daten abgerufen, die mit der Abrechnung ihren Zweck erfüllt haben. Bei der klimaintelligenten Steuerung von Immobilien können Sie diese Daten beispielsweise – Herr Maiwaldt hatte es gerade erwähnt – auch nutzen, um Gebäude in Liegenschaften zu benchmarken und die CO2-Vermeidungsausgaben dort zu platzieren, wo sie den größten Hebel entfalten. Wir wollen also für unsere Kunden Ressourcen sparen – in Prozessen, kosten- und energieseitig. Und: Wir wollen die Daten nutzen, um – gemeinsam mit unseren Kunden – neue Lösungsansätze, Geschäftsmodelle zu entwickeln. Hinzu kommt, dass die Energiewende eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist, zu der wir als noventic mit unseren ressourcensparenden, effizienzsteigernden Angeboten positiv beitragen möchten.

Wie sieht das Zusammenspiel der individuellen Unternehmen in der noventic group aus?
Maiwaldt: noventic ist eine Brücke zwischen Unternehmen, die individuell stark sind, aber gemeinsam noch mehr erreichen könnten. Schließlich geht es darum, eine Infrastruktur in Gebäuden aufzubauen, die Zähler, Sensoren, Aktoren und ganze Systeme einbindet und vernetzt. Dafür haben wir mit Qundis eine sehr starke Marke, die für qualitativ hochwertige Heizkostenverteiler, Wärmemengenzähler und vernetzte Sensorik für Mehrfamilienhäuser steht – national wie international. Qundis wird seine Kunden – also in erster Linie Messdienstleister, aber auch OEM-Kunden wie beispielsweise Siemens oder Honeywell – weiterhin unter dieser Marke erfolgreich bedienen. KALO wird als vollumfänglicher Full-Service-Anbieter für Messdienstleistungen vom Know-how seiner Schwestern profitieren und dadurch in seinem Kundensegment weiter gestärkt. Hinzu kommt unsere Beteiligung an der PPC in Mannheim, dem marktführenden Smart-Meter-Gateway-Ausrüster für alle großen Energieversorger, der Datenplattformanbieter KeepFocus aus Dänemark und die Smarvis als marktführender Lösungsspezialist mit End-to-End-Lösungen im Bereich der Selbstabrechnung.

Göppel: Auch waren wir als Unternehmensgruppe bislang nicht international aufgestellt. Mit Qundis und KeepFocus hat sich das sozusagen über Nacht geändert. Jetzt bedienen wir mit diesen Tochtergesellschaften Kunden in über 30 Ländern. Eine neue Gruppe, mit eigenständig agierenden Marken, vereint unter einem gemeinsamen Zukunftsbild. Wir sind bereit, auch zusammen mit Partnern, Lösungsangebote für die Immobilienwirtschaft zu entwickeln – von der Prozessoptimierung der Heizkostenabrechnung über digitale Geschäftsmodelle bis hin zu neuen strategischen Kooperationen für die klimaintelligente Steuerung von Immobilien.